| Die wissenschaftliche Medizin begann in Ö. mit der Gründung der Univ.
Wien (1365), an der Galeazzo de Sancta Sophia aus Padua und sein ö. Schüler J. Aygel
bahnbrechende 1. Sezierungen durchführten. Mit Ö. war auch Paracelsus, der
Reformator der Heilkunde, eng verknüpft. H. Guarinoni ist als barocker Vorkämpfer für
Volksgesundheit und Pastoral-M. überliefert, P. Sorbait, Leibarzt von Maria Theresia,
bewährte sich in der Pest- und Türkenzeit. Mit Gerard van Swieten, der 1745 nach
Wien kam, begann für die Sanitätsgesetzgebung und für den medizin. Unterricht in den
ö. Erbländern eine neue Epoche. Bereits 1754 erhielt Wien eine medizin. Klinik, deren
erste Vorstände A. de Haen und M. Stoll bahnbrechend auf medizin. Gebiet
waren. Auf L. v. Auenbruggergeht die Perkussionsmethode zurück. Ein weiterer
Assistent Haens, der Schwabe A. Störck, van Swietens Nachfolger als Protomedikus,
gilt als Pionier der experimentellen Pharmakologie. 1784 wurde unter Ks. Joseph II.
das Allg. Krankenhaus in Wien eröffnet, das von nun an zur Heimat der Wr. Medizin wurde.
Der Klinikvorstand J. P. Frank führte die Lehrfächer Hygiene und
Gerichtsmedizin ein. Hier wirkte u. a. J. L. Boer, der konservative
Geburtshelfer, der der Natur in allem den Vorrang ließ und jede chirurg. Maßnahme in
seinem Fach nach Möglichkeit vermied. 1812 schuf G. J. Beer die erste
Lehrkanzel der Welt für Augenheilkunde. Im 19. Jh. lehrte C. v.
Rokitansky, Krankheiten aus Gewebsveränderungen bei Toten zu erkennen. J.
Skoda verbesserte die Perkussionsmethode Auenbruggers und die seit 1818 bekannte
Auskultationsmethode (Abhorchen des Kranken mit einem Stethoskop) wesentlich. Skodas
Assistent an der "Ausschlagabteilung", F. v. Hebra, sah die patholog.
Anatomie am Kranken selbst und begründete so die wiss. Dermatologie in Wien. I.
Semmelweis, der "Retter der Mütter", hatte mit zwingender Klarheit
erkannt, daß eine von außen herangebrachte Infektion die Ursache des Kindbettfiebers, ja
vielleicht jeder Eiterung überhaupt, sein müsse, erst Jahrzehnte nach seinem Tod wurde
durch die neue Wiss. der Bakteriologie der Beweis für die Richtigkeit seiner Lehre
erbracht. Der bedeutendste "Psychiater" dieser Zeit war T. Meynert, der
die Ursache der Geisteskrankheiten in Veränderungen des Gehirngewebes suchte. Die
Anwendung des Kehlkopfspiegels machte L. Tuerck gemeinsam mit J. N.
Czermak weltbekannt. 1867 folgte T. Billroth einem Ruf nach Wien. Die
Antisepsis J. Listers und die eben erfundene Äthernarkose boten seinem Fach neue
Bedingungen. 1874 gelang Billroth die erste vollständige Kehlkopfentfernung und 1881 die
erste Magenresektion. L. Schrötter machte die Teilungsstelle der Luftröhre in die
großen Bronchien erstmals zugänglich. Auch die Spiegelung des Augenhintergrunds mit dem
von H. Helmholtz (1821-1894) nach den Ideen E. W. Brückes erfundenen
Ophthalmoskop wurde in Wien von E. v. Jaeger (1818-1884) praktikabel gemacht.
F. v. Arlt, C. v. Stellwag-Carion (1823-1904) und später C. Koller
setzten die große Tradition der Augenärzte in Wien fort. Nach den großen
Fortschritten in der Chirurgie und ihren Tochterfächern in Wien führte H.
Nothnagel die Innere Medizin zu einem neuen Höhepunkt. S. Basch (1837-1905) und G.
Gärtner konstruierten die ersten Blutdruckmeßgeräte. Die beiden Frauenärzte F.
Schauta und E. Wertheim entwickelten bahnbrechende Methoden für gynäkolog.
Operationen. Die Schule Billroths verbreitete sich über ganz Europa, seine Assistenten
wurden in viele Universitätsstädte berufen. E. Fuchs wurde durch sein in fast alle
Kultursprachen übersetztes Lehrbuch der Augenheilkunde weltbekannt. J.
Wagner-Jaureggs Methode der Bekämpfung einer Krankheit mit Fieber (Malariatherapie
bei progressiver Paralyse) brachte ihm 1927 den Nobelpreis. K. Landsteiner entdeckte
in Wien die Blutgruppen und erhielt dafür 1930 den Nobelpreis. R. Bárány erhielt
diese Auszeichnung 1914 für seine Arbeiten über das Gleichgewichtsorgan. A. Lorenz
begründete mit seiner unblutigen Reposition (Wiedereinrichtung) der angeborenen
Hüftgelenksverrenkung und anderen Arbeiten die moderne Orthopädie. Einer der größten
Herzspezialisten Europas war K. F. Wenckebach, der während und nach dem 1.
Weltkrieg die Medizin. Klinik leitete; er wurde zu einem Pionier der Elektrokardiographie.
G. Holzknecht verwendete die bisher hauptsächl. für die chirurg. Diagnostik
gebrauchten Röntgenstrahlen auch in der Inneren Medizin. L. Freund führte die
erste therapeutische Röntgenbestrahlung bei einer Hauterkrankung durch. Der Kinderarzt
C. v. Pirquet erfand eine serolog. Untersuchungsmethode für die Tuberkulose
und zeigte eine neue Gruppe von Krankheiten, die Allergien, auf, die durch
Eiweißveränderung entstehen.
Aufgrund der Auswirkungen des 1. Weltkriegs büßte zwar Wien seinen Rang als Zentrum
der medizin. Forschung von Weltgeltung ein, nichtsdestoweniger kann die erfolgreiche
Bewahrung eines hohen medizin. Niveaus während der wirt. Krisenzeiten der 1. Republik,
während des 2. Weltkriegs und in der Phase des Wiederaufbaus als Nachwirkung der
W. M. S. gesehen werden. Parallel dazu entwickelten sich auch an den Univ. Graz
und Innsbruck medizin. Schulen von internat. Ansehen. T. Antoine, L. Arzt, L.
Böhler, W. Denk, E. Deutsch, K. Fellinger, V. Frankl, H.
Hoff und L. Schönbauer können nur als Beispiele für die zahlr.
Persönlichkeiten genannt werden, die im 20. Jh. die Wr. Medizin geprägt haben. |